"Mit mir stimmt was nicht"
- Isabel Jenni
- vor 3 Tagen
- 5 Min. Lesezeit
Aktualisiert: vor 2 Tagen
Und warum dieser Satz tiefer sitzt, als du glaubst.

Du weißt, was du sagen willst. Du hast es dir fest vorgenommen. Und in dem Moment, wo es darauf ankommt, verhältst du dich wieder genauso wie immer:
Du nickst im Meeting, obwohl du widersprechen wolltest.
Du gehst auf Eierschalen, wenn dein Partner still ist.
Du entschuldigst dich, bevor du überhaupt etwas gefragt hast.
Du übernimmst Verantwortung für Dinge, die eigentlich wem anderen gehören würden.
Du lächelst, obwohl du dem anderen in Wirklichkeit gerne eine reinhauen würdest.
Danach sitzt du in deinem Auto und machst dich selber dafür fertig. Und fragst dich: Was stimmt mit mir nicht?
Ich kenne diesen Satz, in und auswendig. Ich hab ihn selbst sooft zu mir gesagt und war fest davon überzeugt – mit mir stimmt was nicht. Ich bin einfach ein Alien.
Woher ich das weiß?
Ich bin sechs Jahre alt. Wir sitzen in der Straßenbahn, meine Schwester und ich, mitten im Winter. Richtig schön eingemummelt. Die dicken Skianzüge, Moonboots, Mützen - die warme Straßenbahn. Und wir müssen so dringend aufs Klo. So richtig übel dringend.
Meine Mutter wird nervös. Dann gereizt. Dann schmeißt sie die Nerven und wird wütend. Sie beginnt mit ihren typsischenSelbstgespräche, murmelnd schimpfend. In sich gekehrt.
Sie steigt mit uns eine Station früher aus, sprintet mit uns zu einer Freundin, die ganz in der Nähe wohnte. Und die natürlich nicht zu Hause ist.
Sie zerrt uns Richtung nach Hause. Und wie es halt so ist für kleine Kinder - irgendwann können wir es nicht mehr halten. Wir machen uns beide in die Hose. Die Moonboots knatschen. Der Schneeanzug ist klatschnass.
Unsere Mama rastet komplett aus. Sie beginnt uns zu beschimpfen. Macht uns verantwortlich dafür, wie scheiße ihr Leben ist. Was sie alles in ihrem Leben für uns geopfert hat. Die ganze Litanei.
Sie zerrt uns durch den Schnee, wir stolpern hinterher, schluchzend mit diesen klitschnassen Sachen, den schweren Moonboots durch die Kälte und die dunklen Straßen nach Hause.
Wir beide sind komplett fertig. Wir weinen. Wir haben Angst. Sie brüllt weiter auf uns ein.
Zu Hause angekommen reißt sie uns die Kleider vom Leib. Die Badewanne wird eingelassen. Sie stschubst uns hinein. Wir stoßen uns den Kopf an, das Bein. Wir weinen laut. Wir haben wirklich, wirklich große Angst.
Und dann ist es vorbei.
Es gibt Abendessen. Es wird nicht darüber geredet. Keine Erklärung. Keine Entschuldigung. Jeder tut so als wäre nichts gewesen.
Das ist der Moment, den die meisten vergessen, wenn sie über solche Kindheitserfahrungen reden. Nicht nur der Ausbruch an sich — der hat ohnehin genug schon Auswirkungen auf so eine Kinderseele. Sondern auch das Danach. Diese Stille. Dieses So-tun-als-ob.
Du hast als Kind keine Ahnung, was gerade passiert ist. Du kannst es nicht einordnen. Du hast noch all diese Gefühle in dir. Diese Angst, dieses grausige Gefühl komplett ausgeliefert zu sein, dieser Schmerz.
Und gleichzeitig tun alle so, als wäre alles ganz normal.
Was du in dem Moment lernst: Deine Gefühle zählen nicht. Du zählst nicht.
Und das Entscheidende — was die meisten nicht verstehen — ist, was Kinder sich in diesem Moment auf keinen Fall denken: Mit meiner Mama stimmt was nicht.
Kinder beziehen es auf sich. Automatisch. Sie denken: Mit mir stimmt was nicht.
Und dann musst du das mal sacken lassen.
Das ist dieser Satz. Der sich festsetzt. Der mit dir mitwächst. Der heute noch bestimmt, wer du glaubst sein zu dürfen, um geliebt zu werden.
Was dann passiert, ist, dass Kinder anfangen, sich anzupassen. Das passiert unbemerkt. Unbewusst. Ohne dass man es aktiv macht.
Du beginnst das Verhalten deiner Bezugspersonen zu beobachten. Wie ist Mama heute drauf? Bin ich gerade sicher? Du hast ganz feine Antennen dafür. Du erkennst an ihrem Gesicht, ob Gefahr droht. Du hörst an ihren Schritten, wie sie drauf ist. Und je nachdem kalibrierst du dich. Zeigst dich oder nicht. Redest oder hörst auf zu reden. Machst dich kleiner und wartest.
Weil dein Körper so intelligent ist, dass er genau weiß, was kommt, wenn du dir jetzt einen Fehler erlaubst.
Das war damals eine sehr intelligente Lösung. Sie hat dir geholfen zu überleben.
Das Blöde ist nur - du wirst damit groß.
Du betrittst heute einen Raum und scannst ihn sofort. Du bemerkst, wie die Leute reinschauen. Jedes Stirnrunzeln. Jeden eigenartigen Blick. Du kommst nach Hause, siehst deinen Partner auf der Couch sitzen. Seine gerunzelte Stirn, in sich zurückgezogen und genau der gleiche Alarm von damals geht los.
Du wirst vorsichtig. Du gehst auf Eierschalen. Du fragst dich, ob du was falsch gemacht hast. Ob dir irgendetwas durchgerutscht ist.
Und im Büro ist es das Gleiche.
Du sitzt im Meeting. Dein Chef gibt dir Feedback. Und noch bevor der Satz zu Ende ist, nickst du. Obwohl du eigentlich nein sagen wolltest. Obwohl du widersprechen wolltest. Dein inneres System hat schon längst reagiert - schneller als was bewusst drauf reagieren kannst.
Danach denkst du dir: Was ist denn das für ein Mist? Ich wollte doch eigentlich ganz was anderes sagen.
Du verlässt das Büro. Du machst dich selber dafür fertig. Und nimmst dir vor, nächstes Mal alles anders zu machen.
Du kennst deine Muster in- und auswendig
Du hast die Bücher gelesen. Podcasts gehört. Du hast Seminare besucht, Gesprächstherapie gemacht, gejournalt, Atemübungen gemacht, Affirmationen gesagt. Du weißt genau, was du ändern müsstest. Und in dem Moment, wo es darauf ankommt, verhältst du dich so wie immer.
Dann denkst du dir: Bin ich komplett bescheuert? Warum kriege ich das eigentlich nicht hin?
Und das bestätigt wieder: Mit mir stimmt was nicht.
Das ist der falsche Trugschluss.
Die Wahrheit ist:
das ist noch immer diese alte Schutzstrategie von damals. Deine Psyche reagiert schneller als dein Verstand. Und das ist der Grund, warum Mindset-Arbeit und Verhaltensstrategien an der falschen Ebene ansetzen. Sie setzen am rationalen Denken an. Nur dieser Teil vom Gehirn hat keine Chance gegen die darunterliegenden Ebenen - dort, wo das Problem tatsächlich sitzt.
Wenn du die darunterliegende Logik wirklich veränderst dann ändert sich das Verhalten von selbst. Ohne dass du vorher darüber nachdenken musst.
Dein Partner kommt nach Hause und ist still. Du beziehst es nicht mehr auf dich. Du fragst ihn einfach: Brauchst du was?
Du widersprichst im Meeting. Beziehst das Feedback nicht mehr auf dich als Person, sondern auf deine Leistung.
Du triffst Entscheidungen, die sich für dich richtig anfühlen. Auch wenn Gegenwind kommt. Ohne schlechtes Gewissen. Ohne ständig alles zu hinterfragen.
Und dann passiert etwas, wonach du dich sowieso gesehnt hast: Du zeigst, wer du wirklich bist. Und du wirst so geliebt, wie du wirklich bist.
Das ist das schönste Gefühl, das es gibt.
Das ist der Grund, warum ich nicht am Verhalten arbeite. Ich arbeite dort, wo dieses Verhalten ursprünglich entstanden ist - mit diesen tieferen Hirnregionen, mit dem, was sich damals in deinem Körper festgesetzt hat und was dich heute noch begleitet.
Du kämpfst nicht gegen dich selbst. Du kämpfst gegen einen Vertrag, den du damals unbewusst geschlossen hast, um zu überleben.
Ich hab dazu eine Podcast Folge aufgenommen - hör rein und lass mich gern wissen was du denkst.
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